Von der Presse
Eßlinger Zeitung 24.03.10
Von Petra Bail
Aus der Gasse und der Gosse in die Gosche
Die Kabarettistin Nessi Tausendschön mit „Perlen und Säue“ im Stuttgarter
Renitenz Theater
Stuttgart - Nessi Tausendschön macht nicht viel Federlesens. Sie zeigt
sofort, was sie drauf hat, und erfreut ihr Publikum im Renitenz Theater mit Ausdruckstanz à la Valeska Gert. Hingebungsvoll führt sie „die
Welle“ zur „Neuen deutschen Leichtigkeit“ vor, schlangenartige Bewegungen,
die in ihrer Lieblichkeit so gar nicht zu dem passen wollen, was die vielfach ausgezeichnete Diseuse und Kabarettistin an Sticheleien gegen die Artgenossen von sich gibt. „Wir haben jetzt Cyber-Sex, trinken Capuccino mit Milchschaum statt mit Sahne, und wäre Jesus ertrunken, hätten wir ein Aquarium in der Schule“.
Tausendschön ist eine Meisterin der Fabulierkunst und der absurden
Geschichten. Wenn sie sich als Gabi Pawelka im spinatgrünen Kostümchen auf hormonell gesteuerte Partnersuche begibt, sind der Frauen-
Phantasie keine Grenzen gesetzt. Der Themen gibt es viele, über die sie
herzieht. Politiker- und Promischelte sind im Kabarett obligatorisch: Westerwelle ist ein „irreversibler Fehltritt der Evolution“. Aber auch das Publikum wird nicht verschont. „Noch lachen sie“, warnt Nessi Tausendschön am Anfang und rügt diejenigen, die meinen, das Programm sei interaktiv. Man müsse Prioritäten setzen, betont sie und macht klar: Die Priorität steht mittig auf der Bühne. Dennoch geht sie immer wieder auf die freudigen Reaktionen
der Zuschauer ein. Greift ein Gackern und einen vorlauten Zuruf auf. Das
macht sie bei aller verbalen Gehässigkeit sympathisch, vor allem, wenn sie sich selbst einbezieht und laut fragt, was alle denken: „Warum keift die Alte so? Warum ist die so schlecht angezogen?“ Ihre Antwort kommt prompt. „Wir waren jung und links und brauchten das Geld. Das ist besser als alt und reich und satt zu sein.“ Ja, die Menschheit, das Publikum und sich selbst wollte sie verbessern. Ein hoher kabarettistischer Anspruch, der seit den Zürcher Dada-Zeiten nicht mehr so recht gelungen sein dürfte. Vom „Chansonettencamp beim Vietkong“ weiß sie noch, wie man Menschen mit Gesang foltert. Das tut sie mit den beiden teuflischen Haarknötchen auf dem Kopf, die wie vorwitzige Bockshörnchen aussehen, oft und gern. Unterstützt wird Nessi Tausendschön dabei von dem kongenialen Begleiter am Klavier, Marcus Schinkel. Welch gutes Team die beiden sind, wird insbesondere bei der Zugabe deutlich: Als
Geburtstagsständchen für eine Dame aus dem Zuschauersaal schlägt Schinkel „Spiel mit das Lied vom Tod anstimmt“ an, und die stimm- und
wortgewaltige Kollegin improvisiert sich schier um Kopf und Kragen. Ob das
spontan war, sei dahingestellt. Jedenfalls war’s gut. Tausendschöns Figuren sind überzeugend. Der Schutzengel etwa hat einen kleinen Webfehler, sprich ein Alkoholproblem. Mit leicht verwischter Aussprache und lockiger Blondhaarperücke plaudert der Rauschgoldengel aus dem Nähkästchen der geflügelten Kollegen. Der Schutzengel von Wolfgang Schäuble hat Angst vor ihm. Der von Seehofer ist schwanger, schon zum zweiten Mal,
und der von der SPD ist amputiert, am linken Flügel. Tausendschön spricht von kleinen Freiheiten und steuert grantelnd, keuchend, ächzend, spuckend und tirilierend die kleinen Fluchten nach vorne an, immer munter hinein ins Publikum, das sogar mit einer Dusche rechnen muss.
Als Komödiantin hat Nessi Tausendschön das Rad nicht neu erfunden und
dennoch macht es Spaß, ihren kleinen Frechheiten zuzuhören, weil sie sich lebensklug mit der Gosche aus der Gasse und der Gosse bedient. Sie denunziert nicht, sie gibt nur Hinweise. Die wahren Pointen spielen sich in den Köpfen ab
Die Stimme Heilbronn
Von Monika Köhler
Knallharte Wahrheiten in Poesie
Unprätentiös, selbstironisch und weit ab von weiblicher Eitelkeit: Nessi
Tausendschön im Alten Theater
Heilbronn - Lieber mal ein paar Vorher-Nachher-Bilder vom Publikum machen.
Man kann nie wissen, wen man vor sich hat und wie der sich im Lauf des
Abends verändert.
Nessi Tausendschön setzt die Kamera ab und zeigt sich irritiert: Keine
Arbeiter und Bauern unter den Zuschauern? Nur eine Elite aus Lehrern und
Sozialpädagogen? Was ist da schief gelaufen? Wie gut, dass ein Programm mit dem klingenden Namen "Perlen und Säue" für jede Zielgruppe passt. Da lässt sich doch gleich ein böser Abgesang anschließen auf die "Partei, die immer recht hat". Im Stile eines sozialistischen Arbeiterliedes, versteht sich.
Haarsträubende Fakten Im Pepita-Köstüm mit Oma-Pelzkragen und altertümlicher Turmfrisur ist Nessi Tausendschön im Alten Theater Sontheim in ihrem Element. Und fasziniert mit haarsträubenden Fakten über ihre Karriere von der Demo-Tante im Jahr 1958, als das Wort "Atomkraft noch nicht erfunden war", bis zur "Konifere in der Unterhaltungsbranche".
Die Welt verbessern wollte sie schon immer. Und so verwundert es kaum, wenn die Vollblutkabarettistin, Schauspielerin und ehemalige Sängerin
verschiedener Rock- und Jazzbands mit eindrucksvoller Stimme zum elegischen Gesang anhebt, um den "verschrumpelten Herren" im Publikum die Angst vor dem Tod gehörig auszutreiben.
Jüngst erst mit dem Ausdruckstanz begonnen, beherrscht sie bereits Bilder
wie "Mettbrötchen" und "Löschblatt" und verwandelt sich im unendlich erweiterbaren roten Designer-Schlauchkleid in eine Welle, um, begleitet von Marcus Schinkel am Flügel, die "Neue deutsche Leichtigkeit" zu intonieren.
Singende Säge. Da ihr bewusst ist, dass man Menschen mit Gesang foltern
kann, greift sie zur singenden Säge. Und kaum lässt sich sagen, welcher
Canto schaurig-schöner wäre. Geradezu lustvoll ist der Umgang der studierten
Germanistin mit der Sprache, ob auf Hochdeutsch, im ostdeutschen Dialekt
oder ganz ohne in einer grotesken Stummfilm-Parodie.
Unprätentiös, selbstironisch und weit ab von weiblicher Eitelkeit, mimt Nessi ihren eigenen beschwipsten Schutzengel, zitiert mit entgleisender Gebärde Passagen aus ihrer Biografie und verpackt in skurrilen Songtexten knallharte Wahrheiten in Poesie. Da hagelt es Begeisterungstürme.
Welt am Sonntag, 28.09.08
von Hans Hoff
Internationale Bügelmusik
Die Kabarettistin Nessi Tausendschön ist unter die Sängerinnen gegangen. Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen
An grossen Zielen und skurrilen Ideen hat es Nessi Tausendschön noch nie gemangelt. "Einmal werde ich berühmt", fantasierte die Kölner Kabarettistin schon auf ihrer CD "Restwärme" und fasste einen festen Vorsatz: "Harald Schmidt ruft an, doch ich habe keine Zeit", lautete der Plan, den sie zu einer Robbie-Williams-Melodie intonierte. Und "Königin von Deutschland" wollte sie frei nach Rio Reiser auch schon mal werden...[mehr]
Auf Bayern 2 ist die CD "hide and speak" von den Fachredaktionen zum
"Bayern 2 MusikFavorit der Woche" erklärt worden!
Link: www.br-online.de/bayern2/bayern-2-favoriten/
TROTTOIR (Heft 58) März-Mai 2008
von Sybille Zerr
20. Internationale Kulturbörse Freiburg
Schöne neue Messewelt
(...) Aufs Börsenparkett begab sich nicht nur sensationeller Nachwuchs. Auch gestandene Formate wagten den Schritt. Nessi Tausendschön ist so ein Kaliber. In jeder nur erdenklichen Position vollführt sie im aktuellen Programm „Perlen und Säue“ das Kamasutra des „Frustschutzes“. So zeugte ihre Nummer mit der Sportreporterin von überragend genialischer Eloquenz. Es verlangt schon geballte Wortpotenz, um bei der Berichterstattung zu den „Deutschen Meisterschaften im Kunstvögeln, live am Empfangsgerät“ derartige Inbrunst auszulösen, dass das Publikum in einem Zuge mehrfach Höhepunkte erlebt. Nein, sie hat es wirklich nicht nötig, sich auf dem Börsenparkett zu beweisen, aber ihrem Publikum hat sie damit eine übermäßig große Lust bereitet. Dem frischen Auftritt mit singender Säge und frechem Liedgut verlieh Marcus Schinkel zudem einen fulminanten Flügel. (...)
Augsburger Allgemeine, 29.02.2008
von Heike Schreiber
Der Engel, der eine freche Diva war
Das Publikum kann gar nicht genug Zugaben von Nessi Tausendschön bekommen
„ Wie soll man diese Frau beschreiben? Die einen nennen Nessi Tausendschön eine Diva oder Adelsdame der Unterhaltung, andere schwärmen von einem emotionalen Wirbelsturm und wieder andere heben ihre koloraturstrahlende Stimme hervor. (...) So unschuldig und engelhaft, wie sie aussieht, ist Nessi Tausendschön gar nicht. Da geht es schon mal rotzfrech und derb zu (...). Sie ist ein Variationsgenie [...]. Nessi Tausendschön ist eine Vollblut-Entertainerin, die über die Bühne wirbelt – und manchmal mitten in Liedern über sich selbst lachen muss (...). Nach über zweieinhalb Stunden hat Nessi Tausendschön ihr Ziel erreicht: Der Applaus ist ekstatisch...[mehr]“
Hessische Allgemeine, 17.01.2008
von Steve Kuberczyk-Stein
Durchgeknallte Diva
Nessi Tausendschön begeisterte in der Komödie
„Ist sie nicht wunderbar? Oder ist sie das Resultat eines Genexperiments, das wie pures Lachgas wirkt? (...) Das Publikum war von diesem schrägen Paradiesvogel restlos begeistert...[mehr]“
Erlanger Nachrichten, 30.10.2007
von Ulrike Jochum
Alkohol und singende Sägen
Nessi Tausendschön gastierte mit «Frustschutz» im «Fifty»
". . . das Programm ist so intelligent und vielfältig, dass man es kaum auf einen Nenner bringen kann...[mehr]"
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Premierenkritiken "Perlen und Säue"
Münchner Merkur, Kultur & Leben, 07.09.2007 von Rudolf Ogiermann:
Demoliertes Pathos
Nessi Tausendschön in der Münchner Lach&Schieß
"... Die Disseuse kann sich alles erlauben, weil sie alles kann. Beherrscht mühelos sämtliche Genres, mit denen man eine Bühne erobern kann...[mehr]"
Süddeutsche Zeitung, Kultur, 07.09.2007 von Willibald Spatz:
Poetisch und ordinär
Nessi Tausendschön in der Lach- und Schießgesellschaft
"... Das Programm lebt von der gewaltigen Energie, die von Tausendschön ausgeht...[mehr]"
Abendzeitung, Kultur, 07.09.2007:
Engel des Humors.
Nessi Tausendschön nahm die Lach & Schieß ein...[mehr]
Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 03.09.2007:
Kabarett im TaS: Anmut und Größenwahn
"...Und egal ob sie protzt, was das Zeug hält, sich eine grandiose Biographie erfindet oder mit äußerst strenger Miene das Publikum abfragt, Nessi Tausendschön macht es mit solch umwerfenden Charme und Humor, singt, schimpft und fabuliert so großartig und amüsant, dass jede Minute, die sie auf der Bühne verbringt, für ihr Publikum einfach herrlich ist...[mehr]"
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Abendzeitung München: Schrill und anmutig gleichermaßen, mit einer Stimme so seidig schmeichelnd wie schneidend Glas zersingend, lockt Hoheit Nessi in ihr prachtvoll gestaltetes Entertainreich, singt sich ironisch die eigene Anbetungshymne - "dies Bildnis ist bezaubernd schön". Oh ja. God save this Queen.
Mainzer Rheinzeitung: "Ich verbrenne mich für Sie", kündigt sie ihren künftigen Untertanen an. Und irgendwie glaubt man das auch, wenn man die zierliche Frau sieht, die wie ein Tornado über die Bühne wirbelt. Und dann fragt man sich, wie man das alles bloß als "Kleinkunst " bezeichnen kann.
Süddeutsche Zeitung: Wenn Nessi Tausendschön in der Stadt ist, machen Kritiker Überstunden. Freiwillig. Spät nachts gehen sie an den Sprachsafe und kramen noch ein wenig in der Schatzkiste. All die schönen Feiertagsworte sind da drin, Schmuckadjektive und selbstkreierte Zaubersubstantive, die viel zu kostbar sind, als dass man sie in die Zeitung schreiben könnte. Nein, für Frau T. muss was Besonderes her: Adelsdame der Unterhaltung (Hamburger Morgenpost), zarter Rauschgoldengel (Westdeutsche Zeitung), emotionaler Wirbelsturm (Mainzer Rheinzeitung), koloraturstrahlende Stimme (AZ). (...) Sie selbst nennt das, was sie auf der Bühne der Lach- und Schießgesellschaft fabriziert, "skurril-poetisches Musiktheaterkabarettvarieté mit akrobatischen Einlagen". D'accord, genauso ist sie, die Nessi.
Kölner Stadtanzeiger: Dabei liegt der Reiz ihrer Auftritte im harten Kontrast zwischen ihrem lasziv-verführerischen Aussehen und dem unerbittlichen Wüten, ihrer luziden Schönheit und der Hemmungslosigkeit, mit der sie auf alles eindrischt, was ihr mißfällt.
Nürnberger Nachrichten: Gern serviert die schrille Diva im dunkelroten Samtkleid ihrem begeisterten Publikum mal einen "wirklich schlechten" Song, lästert über den Pianisten (willig und ausgezeichnet wie immer: Uwe Rössler) und rockt dann zum abgewandelten Rio- Reiser- Hit - "Wenn ich Königin von Deutschland wär" - über die Bühne. Bei Nessi paart sich anarchischer Witz, rotziger Charme, Selbstveralberung und koloraturenreiche Stimmkunst noch stets mit einer Leichtigkeit, die die Vollblutentertainerin auszeichnet.
Bonner Rundschau: Nessi Tausendschön hören allein macht Spaß, der perfekte Opernsopran (...) , dann die Rockröhre direkt hinterher. Sie aber zugleich zu sehen, das schrille Gesicht, mal sanft wie ein Engel, dann gräsig, kratzig wie eine Stahlbürste, das ist eine wahre Freude.
HAZ (Hannover): Diese Diva ist lebendig und ausdrucksstark, facettenreich und komisch. Zugaben für das Publikum und Beifall für Nessi und Herrn Rössler.
Basler Zeitung: Nessi Tausendschön ist einfach eine so grandiose Sängerin, dass man sie gerne noch mehr hätte singen hören.
Neue Züricher Zeitung: Die vielseitig begabte Charmeuse serviert uns eine Kabarettrevue, die sich gewaschen hat: eine perfekte musikalische Basis, kombiniert mit schauspielerischen Finessen, ausgeklügelten Zwischentexten und einem ausgeprägten Gefühl für die Feinheiten der direkten und indirekten Kommunikation mit dem Publikum.
Wilhelmshavener Zeitung: "Die deutsche Sprache ist manchmal arm an passenden Bezeichnungen. Wenn jemand alles kann und sich dabei außerdem noch außerordentlich ideenreich behauptet, so fällt er oder sie zumeist unter die bescheiden klingende Rubrik der Kleinkunst. Nessi Tausendschön ist somit zumindest eine große Kleinkünstlerin.
Die Welt: "Ich will Liebe, Offenheit und Großzügigkeit, will Freude in die Herzen träufeln", lautet das Credo ihrer Majestät. Wenn sie singt, gelingt ihr das wie von selbst. (...) Diese Euro-Nessi ist immer eine gute Wahl.
Welt am Sonntag, 28.09.08
von Hans Hoff
Internationale Bügelmusik
Die Kabarettistin Nessi Tausendschön ist unter die Sängerinnen gegangen. Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen
An grossen Zielen und skurrilen Ideen hat es Nessi Tausendschön noch nie gemangelt. "Einmal werde ich berühmt", fantasierte die Kölner Kabarettistin schon auf ihrer CD "Restwärme" und fasste einen festen Vorsatz: "Harald Schmidt ruft an, doch ich habe keine Zeit", lautete der Plan, den sie zu einer Robbie-Williams-Melodie intonierte. Und "Königin von Deutschland" wollte sie frei nach Rio Reiser auch schon mal werden.
Dass es mit den hehren Vorhaben nicht so geklappt hat, zeigt sich, wenn man die einschlägigen Gesellschaftsillustrierten aufschlägt und kein Wort über Nessi Tausendschön entdeckt. Immer noch ist sie die fleißige Bühnenbiene, die bei 120 Terminen pro Jahr ein meist überschaubares Publikum mit fein verzwirbelten deutschen Texten besingt. Doch das Leben im Schatten könnte sich aufhellen, denn Frau Tausendschön hat für ein besonderes Projekt ihren Nachnamen abgestreift, heißt vorübergehend nur noch Nessi und wandelt mit ihrer wunderschön internationalen Bügelmusik auf den Spuren der Sängerin Norah Jones.
Das mit der Bügelmusik sagt sie selbst. "Aber es ist nicht als Abwertung gemeint", beeilt sie sich, hinzuzufügen. "Hide & Speak" heißt das zugehörige Album, das gerade erschienen ist (Hörproben bei www.nessimusic.com) und nun die Musikwelt auf die neue, die Englisch singende Nessi einstimmen möchte. "Es ist kein richtiger Mainstream, aber für mich hat es Hitqualität", sagt sie und ist plötzlich doch wieder bei den großen Worten gelandet. Aber sie kann auch anders. "Vielleicht schlägt die CD ja ein", sagt sie ganz leise und offenbart, dass sie sich auf dem neuen Terrain nicht auskennt. In der Kabarettszene weiß sie Bescheid, aber die Welt der großen Musikfirmen ist ihr fremd.
In der Tat ist Nessi Tausendschön eine anerkannte Marke der deutschen Kabarettkultur. Sie zieht immer Menschen an, mal 500, am anderen Tag sind es nur 50. Sie war Gast bei "Zimmer frei", in "Ottis Schlachthof", bei den "Mitternachtsspitzen" und beim "Scheibenwischer". Sie hat Kabarettpreise abgeräumt und fällt gerne mal auf durch ihre abenteuerliche Frisur. Immer aber war Nessi Tausendschön eine Garantie für ein bisschen was Schrilles, ein bisschen was, das aus der Rolle des Gewöhnlichen fiel.
Die vom Nachnamen befreite Nessi ist da ganz anders. Sie klingt nie schrill, sie sucht im Gewöhnlichen das Besondere und findet es mithilfe ihres Lebenspartners William Mackenzie, der wunderbar entspannte Dobro- und Slidegitarrenklänge beisteuert. "Hide & Speak" ist genau das Album, das Norah Jones vielleicht herausgebracht hätte, wenn ihr Hauptinstrument die Gitarre und nicht das Klavier wäre.
Seinen Ursprung hat das Projekt Nessi im indischen Goa, wohin sich das Musikerpärchen gerne einmal für ein paar Wochen im Jahr zurückzieht. Eine schöne Mischung aus Einheimischen und europäischen Freaks findet sich dort, und auf dem örtlichen Nachtmarkt erklingen dann jene Lieder, die sehr deutlich inspiriert werden von der Nacht unter indischen Sternen. Mit der Kollegin Sissi Perlinger hat Nessi dort schon so schön gesungen, dass einer Gruppe von Engländern die Luft wegblieb. "Denen stand echt der Mund offen", berichtet Nessi begeistert.
Der schönste Abend aber war wohl jener, an dem sie gemeinsam mit ihrem Freund ein paar ihrer geübten Lieder zum Besten gab und das Publikum so begeisterte, dass es immer mehr forderte. Als ihr normales Repertoire erschöpft war, begannen sie zu improvisieren und begegneten plötzlich ganz neuen Klängen. Ein bisschen entspannter Folk, Country, Jazz und fernöstliche Mystik verbanden sich plötzlich zu einer betörenden Mischung. In jener Nacht wurde Nessi geboren.
William Mackenzie ist Kanadier, und es lag nahe, es auch in seiner Heimat mal mit den neuen Klängen zu versuchen. In einem Club wurde der renommierte Gitarrist Harry Manx auf die beiden aufmerksam, lud sie in sein Studio ein und produzierte mit ihnen und dem Gitarristen Kevin Breit, der für Norah Jones den Song "Humble Me" geschrieben hat, 15 Songs. Die 45-Jährige hat ihr Produkt nicht einer großen Plattenfirma anvertraut, sondern dem kleinen Düsseldorfer Verlag "con anima", der auch Platten von Volker Pispers oder Matthias Richling verlegt. Nessi ist eine große Chance für die singende Kabarettistin, eine Möglichkeit ihr Spektrum dauerhaft zu erweitern - und ihren pfiffigen Witz ein bisschen zu globalisieren.
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Augsburger Allgemeine, 29.02.2008
von Heike Schreiber
Der Engel, der eine freche Diva war
Das Publikum kann gar nicht genug Zugaben von Nessi Tausendschön bekommen
LEIPHEIM Wie soll man diese Frau beschreiben? Die einen nennen Nessi Tausendschön eine Diva oder Adelsdame der Unterhaltung, andere schwärmen von einem emotionalen Wirbelsturm und wieder andere heben ihre koloraturstrahlende Stimme hervor. Sie selbst bezeichnet das, was sie auf der Bühne zeigt, als „skurill -poetisches Musiktheaterkabarettvarieté mit akrobatischen Einlagen“. Genauso ist es. Kurzum: Was die Trägerin des Deutschen Kabarettpreises am Donnerstagabend im Leipheimer Zehntstadel geboten hat, war nicht einfach nur Kleinkunst, es war große Kunst in Perfektion.
„Perlen und Säue“ ist der Titel ihres neuesten Programms und der Name ist Programm. So unschuldig und engelhaft, wie sie aussieht, ist Nessi Tausendschön gar nicht. Da geht es schon mal rotzfrech und derb zu, da perlen schon mal kleine Sauereien aus ihrem Mund. Sie wolle „Freude in die Herzen träufeln“, säuselt sie, um hinterher zuschieben: „In Ihre verschrumpelten Leipheimer Herzen.“ Nessi Tausendschön spricht, singt und schauspielert sich in die Herzen der Zuschauer.
Mit ihrer nicht ernsthaft gemeinten Selbstbeschreibung, sie sei eine „prächtige Erscheinung“, trifft sie ins Schwarze. Sie ist ein Variationsgenie, nicht nur durch ihren stetigen Wechsel von Kleidung und Frisuren, sondern vor allem in Ausdruck, Gestik und Stimme. Mal gibt sie den perfekten Opernsopran, dann kommt die Rockröhre direkt hinterher. Sie ist ausdrucksstark, facettenreich und unglaublich komisch, sei es als Sängerin, Kabarettistin, Schauspielerin oder als „Rezitatorin“, die „fein gesponnene Liebeslyrik“ mit Endreim-Effekten parodiert. Sie beherrscht „große Gefühle“, wie sie sagt, sie krächzt, brüllt, flüstert, schimpft, weint. Nessi Tausendschön ist eine Vollblut-Entertainerin, die über die Bühne wirbelt – und manchmal mitten in Liedern über sich selbst lachen muss.
Auf Mannsuche
Genial ist ihre Darstellung des lange verschollen geglaubten Stummfilms „Die schwarze Hand am Sack des Grafen“. Oder ihr Auftritt als berlinernde Gabi Pawelka, die nach einem Motivationsseminar auf Mannsuche geht. Am besten ist jedoch ihre Figur des alkoholabhängigen Schutzengels im Rüschenkleidchen, mit Perücke auf dem Kopf und der Weinflasche in der Hand. „Menschen mit Charakterproblemen bekommen einen Schutzengel mit Problemen“, erklärt sie und wir deutlicher: „Der Engel von Roland Koch, der lügt und betrügt. Und der von der SPD hat einen amputierten linken Flügel.“ Umwerfend, wie sie über die Klimakatastrophe jammert, dabei lallt, heult, schreit und schniefend die Nase hochzieht.
Nach über zweieinhalb Stunden hat Nessi Tausendschön ihr Ziel erreicht: Der Applaus ist ekstatisch. Kein Wunder, nachdem sie sich zuletzt lasziv und verführerisch auf dem Flügel geräkelt und einen filmreifen Orgasmus vorgestöhnt hat wie einst Meg Ryan im Kinostreifen „Harry und Sally“. Hätte Nessi Tausendschön doch nur ihre Drohung wahr gemacht, den Zuschauern Zugaben ohne Ende „aufzupfropfen“, und die Türen abzusperren, damit niemand heimlich den Saal verlassen kann. Mit ihr hätte das Publikum alles ertragen.
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Hessische Allgemeine, 17.01.2008
von Steve Kuberczyk-Stein
Durchgeknallte Diva
Nessi Tausendschön begeisterte in der Komödie
KASSEL. Ist sie nicht wunderbar? Oder ist sie das Resultat eines Genexperiments, das wie pures Lachgas wirkt? Diese Nessi Tausendschön, Kabarettistin aus Köln, die mit ihrer Stimme und Aura an Nina Hagen und Edith Piaf erinnert. Die für Sekunden den melancholisch sanften Zauber einer lasziven Chansonette verströmt und im nächsten Moment dem derben Charme einer Toilettenfrau das rote Abendkleid abstreift, es sich wie einen Schal um den Kopf wickelt und damit den romantischen Ballon zum Platzen bringt.
Für die Besucher, die die so vielseitig begabte Kabarett-Preisträgerin mit ihrem furiosen Programm „Perlen und Säue“ (Pianobegleitung: Markus Schinkel) in der Kasseler Komödie begeisterte, dürfte sie beides sein: Sowohl eine romantisch schillernde Ulk-Diva wie auch wunderbar durchgeknallt komisch. Der Grund: Sie ist eine exzellente Schauspielerin, Sängerin und Komikerin und eben eine Persönlichkeit.
Eine, die den Zauber zwar enttarnt, ihn aber am innersten Herzen am liebsten doch leben möchte – Opernsängerin sein, Chansonette und ganz Frau. Wenn da nicht dieser bitterböse kritische Geist in ihr rumorte, der sich in exzessiven Humorsalven ausleben muss. Zum Beispiel im weiblich erotischen Ausdruckstanz, den sie so herrlich schräg überzeichnet, als wolle sie allen Frauen mal zeigen, wie dämlich sich weibliches Balzverhalten optisch ausnehmen kann.
Oder die Mär vom Schutzengel, den Nessi Tausendschön als schluchzenden Melancholiker mit Alkoholproblemen mal so richtig aus dem Nähkästchen fluchen lässt. Und wie es sich für jemanden gehört, der es liebt anzuecken, gab es als Zugabe („Soll Mutti mal die böse Nummer bringen?“ das Lied über die Vögelmeisterschaft. Das Publikum war von diesem schrägen Paradiesvogel restlos begeistert.
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Erlanger Nachrichten, 30.10.2007
von Ulrike Jochum
Alkohol und singende Sägen
Nessi Tausendschön gastierte mit «Frustschutz» im «Fifty»
«Frustschutz» heißt das Programm, mit dem Nessi Tausendschön die Besucher am Wochenende so zahlreich ins «fifty fifty» lockte, dass kaum mehr ein Platz frei blieb. Doch was ist das eigentlich: praktizierter Frustschutz? Es ist das «sich Abhärten gegen Sorgen, Seelennässe und depressives Dahindämmern. Es ist Lachen, wenn es nichts zu lachen gibt», klärt uns die Kabarettistin und Sängerin auf.
Gleich mal vorneweg gesagt, Nessi Tausendschön ist nichts für Mimosen. Menschen mit schwachen Nerven sollten sich schon gar nicht in die erste Reihe setzen. Denn Frau Tausendschön geht auf Konfrontationskurs mit ihrem Publikum. Sie fordert heraus, piekst und provoziert. Der Zuschauer reagiert, und es ergeben sich daraus immer wieder neue Lacher. Im Duo mit dem Pianisten Marcus Schinkel wird «Frustbeulen» und «Schüttelfrust» der Garaus gemacht. Frühlingsgefühle sollen da helfen, sowie die Europameisterschaften im Kunstvögeln. Doch das Programm ist so intelligent und vielfältig, dass man es kaum auf einen Nenner bringen kann. Nessi Tausendschön ist eine echte Vollblutkünstlerin, zu Recht gewann sie 2003 den Deutschen Kleinkunstpreis.
Verzweifelnder Schutzengel
Sie singt, und es wird einem warm ums Herz. Sie schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen, rüttelt als verzweifelnder Schutzengel mit Alkoholproblem auf und hantiert mit singenden Sägen. Mit ihrer eigenen und verrückten Art sensibilisiert sie für alle Facetten des Lebens.
Man verlässt das Theater und ist nachhaltig beeindruckt.
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Münchner Merkur, Kultur & Leben, 07.09.2007 von Rudolf Ogiermann
Demoliertes Pathos
Nessi Tausendschön in der Münchner Lach&Schieß
Ein gewisser herrischer Ton will nie ganz verklingen. Nessi Tausendschön gefällt sich als Kommandeuse, ob im grauen Kostüm oder im bodenlangen Roten respektive Blauen. Und auch dem Publikum in der Münchner Lach- und Schieß- gesellschaft gefällt es, angepfiffen zu werden. Eine launische Diva gibt sich hier die Ehre, eine, die damit kokettiert, eigentlich größere Häuser verdient zu haben. Und mit dieser Haltung in Zusammenhang bringen kann, wer will, auch den Titel ihres neuen Programms – „Perlen und Säue“. Aber natürlich ist die Legende von der grandiosen Karriere, die sie hätte machen können, nur Running Gag, nur Teil eines raffinierten Drehs, mit dem die Tausendschön, unterstützt von ihrem Pianisten Rolf Hammermüller, diejenigen mal becirct und mal beschimpft, die ihr zu Füßen sitzen. Diese Diseuse kann sich alles erlauben, weil sie alles kann. Beherrscht mühelos sämtliche Genres, mit denen man eine Bühne erobern kann – von der Lesung aus der Autobiografie („Es kann nur eine geben“) über die Rezitation eigener, schreiend platter (Liebes-)Lyrik bis hin zum Mini-Stummfilm. Nichts, aber auch nichts ist ernst gemeint, hinter jeder großen Geste schaut der Slapstick heraus, jedes Pathos wird demoliert. Wie soll man ihr Gurren und Schnurren, ihre raffinierten Texte nur ernst nehmen, wenn die Chansonniere dazu den Zappelphilipp gibt? Sie sind einfach gut abgeschaut und abgehört, die herbe Amazone, die „Die Partei, die Partei...!“ schmettert, oder die Sportreporterin, die ekstatisch einen, pardon, „Kunstvögel“-Wettbewerb kommentiert. Und dann gibt’s da noch den Schutzengel der Tausendschön, ein allerliebst abgetakeltes Wesen, das dem Suff verfallen ist. Aber was bleibt einem auch übrig, wenn man ein so geniales, zuckersüß zynisches Geschöpf zu beaufsichtigen hat?
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Süddeutsche Zeitung, Kultur, 07.09.2007 von Willibald Spatz
Poetisch und ordinär
Nessi Tausendschön in der Lach- und Schießgesellschaft
Nessi Tausendschön macht alles falsch, was man falsch machen kann-absichtlich natürlich. Sie habe ein „Chansonetten-Lager im Irak“ absolviert und sei auf der „Kabarettakademie“ gewesen. Da lerne man die drei goldenen Regeln des Kabaretts: keine Marcel-Reich-Ranicki-Parodie, keine Witze über Angela Merkels Frisur und keine Späße über die erste Reihe. Sie braucht genau einen Satz und keine halbe Minute, um alle drei Gesetze zu brechen.
Nessi Tausendschön, deren neues Programm „Perlen und Säue“ am Mittwoch in der Lach- und Schießgesellschaft Premiere hatte, geht überhaupt forsch mit ihrem Publikum um und schimpft es - natürlich zum Spaß - sauber aus. Sie äfft Zurufer nach, brüllt Menschen mit „falsch“ an, wenn sie auf ihre Fragen antworten, und fordert eine präzise Beschreibung des Zugabenwunsches, bevor sie sich herablässt, eine zu geben. Und wenn nicht sofort mitgesungen wird, bricht sie beleidigt ab und sagt: „Entschuldigung, ich bin hier Ekstase gewöhnt.“ Sie ist keine feine Dame, sie tut auch nicht so, sie ist lieber richtig ordinär. Sie singt zum Beispiel für Horst Seehofer „Die Partei hat immer recht“. Oder sie berichtet als Reporterin von der Meisterschaft im „Kunstvögeln“ und scheut sich nicht, die Hörer an den „Empfängnisgeräten“ zu begrüßen und ein Paar zu entschuldigen, das mit „Vögelgrippe“ das Bett hüten muss.
Das Programm lebt von der gewaltigen Energie, die von Tausendschön ausgeht, andererseits gibt es auch wunderbar virtuose Momente, wenn sie zur Klavierbegleitung von Rolf Hammermüller und unter Stroboskoplicht einen Stummfilm nachspielt.
Nessi Tausendschön darf derb sein, weil sie auch leise und poetisch sein kann - und selbstverständlich im Grunde ihres Herzens ihr Publikum achtet und respektiert.
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Abendzeitung, Kultur, 07.09.2007
Engel des Humors.
Nessi Tausendschön nahm die Lach & Schieß ein
So sieht sie also aus, die fleischgewordene Sünde: streng das graue Pepita-Kostüm, die Haare aufgesteckt zu einem Wahnsinn zwischen Björk und Prinzessin Leia, die Lippen so rot glühend wie die Rosen die ihr Mikro umranken. Nessi Tausendschön, Kabarettistin und wandelnde Venusfalle in Einem, kitzelt visuell ihr Publikum, um bald nicht nur ihr charmantes Gift, besonders auf Reihe eins, zu verspritzen, sondern mit einem Augenaufschlag die ganze Lach & Schieß zu verschlingen.
Obwohl das Volk ihrer gar nicht wert ist, kann die Diva doch erklären, was ein „Refräng“ ist - keine Sau singt mit. „Perlen und Säue“ heißt das neue Programm, die Rollenverteilung ist klar, und wahrlich hat die sich wie eine Babuschka-Puppe Kleid für Kleid entblätternde Tausendschön einige Perlen der Komik angeboten, glasklar garniert von Rolf Hammermüller am Flügel.
Da rutscht sie willentlich in die Klamotte, wenn sie als Reporterin bei einem „Vögelwettkampf“ nicht nur die verbale Latte hoch hängt. Oder betört erdverbunden, wenn sie dem Eisprung eine Ode schenkt. Und macht den bunten Abend urkomisch schwarz-weiß, wenn sie strobolichtumwittert im Live-Action-Stummfilm „Die schwarze Hand am Sack des Grafen“ beide Hauptrollen hinexaltiert. „Man darf sich beim Publikum nicht anbiedern“, sang Tausendschön, grausam schräg - und streichelte als Schutzengel des Humors die Herzen. (mst)
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Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 03.09.2007:
Kabarett im TaS: Anmut und Größenwahn
Neuss (KaTse) Die Welt verbessern, das wollte sie immer schon. Und genau genommen tut sie das ja auch. Mit jedem Atemzug. Weil die Luft ja ohne Zweifel gereinigt wird, wenn sie durch ihren Körper strömt. An Selbstbewusstsein fehlt es Nessi Tausendschön – Temperamentbündel, begnadete Sängerin und kabarettistische Tausendsassa in einer Person – wirklich nicht, zumindest nicht, wenn sie auf der Bühne steht und sich als „Konifere der Großkunst“ vorstellt, die beim Publikum „Ovulationen“ auslöst. Und egal ob sie protzt, was das Zeug hält, sich eine grandiose Biographie erfindet oder mit äußerst strenger Miene das Publikum abfragt, Nessi Tausendschön macht es mit solch umwerfenden Charme und Humor, singt, schimpft und fabuliert so großartig und amüsant, dass jede Minute, die sie auf der Bühne verbringt, für ihr Publikum einfach herrlich ist.
Eine ganz besondere Perle konnte das Theater am Schlachthof am Freitag zum Abschluss des Sommerkabaretts seinen Zuschauern präsentieren: Noch bevor Nessi Tausendschön Anfang September bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr neues Programm „Perlen und Säue“ präsentiert, begeisterte die Vorpremiere an der Blücherstraße vor restlos ausverkauftem Haus.
Dabei forderte die smart-bissige Kabarettistin ihren Zuschauern einiges ab, vom fehlerfreien Mitsingen des DDR-Ohrwurms „Die Partei hat immer recht“ bis zum offenen Quiz, bei dem es darum ging, jeweils eine Todesart zu finden, die sich auf „-ürzen“ reimt, auf „-ürgen“ oder auf „-icken“.
Drei goldene Regeln, so verrät sie, muss jeder Kabarettist unbedingt beherzigen. Erstens: niemals Reich-Ranicki zu karikieren. Zweitens: niemals über Merkels Frisur lästern. Drittens: auf gar keinen Fall jemals die Zuschauer in der ersten Reihe vorführen. Gerade die letzte Regel allerdings muss sie einfach immer wieder brechen, bekennt sie offen, meckert und zäbbert fröhlich und frech, dass es eine Wonne ist, egal ob sie als singende Volksgenossin den Beweis antritt, dass das zentrale Problem des Sozialismus die Unfreundlichkeit war oder als weißgelockter Schutzengel mit Flauschflügeln und Alkoholproblem (also als „blauer Engel“) Rotz und Wasser heult, weil im Himmel auch nicht mehr alles so läuft, wie Outsider sich das vorstellen: Der Schutzengel der SPD zum Beispiel, „dem ist der linke Flügel abgebrochen“ oder der von Schäuble „der hat Angst vor ihm“.
Überhaupt hat sie eine Menge herrlich schräger und komischer Figuren in ihrem neuen Programm, skurril und voller guter Tipps, so wie „Gaby Pawelka“, auf der Suche nach einem Mann, die weiß, warum es sinnvoll ist, vor der Flugreise Arabisch zu lernen und ungerecht, wenn man auf dem Hinflug abstürzt, statt auf dem Rückflug.
Zwischendurch singt sie Lieder, zart und anrührend, oder schmettert kraftvoll mit imposantem Stimmvolumen wunderbar ironische Songs auf die „neue deutsche Leichtigkeit“, den „Eisprung“ oder die Freiheit, bei Regen den Garten zu gießen, spielt auf der singenden Säge so herzerweichend und wunderschön und wird bei all dem brillant, souverän und humorvoll auf dem Klavier begleitet von dem virtuosen Rolf Hammermüller. Kein Wunder, dass die Zuschauer diesen smarten, weiblichen Bühnenvulkan nur widerwillig und nach zahlreichen Zugaben gehen ließen.
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