Von der Presse



































Michael
Lohse, WDR, Kritik für die Liederbestenliste, Okt.16

Nessi Tausendschoen:
Knietief im Paradies

So schaut es also
aus, das Paradies der Nessie Tausendschön: Da steht die Kleinkunstdiva im
feschen Sommerkleid bis zu den Knien in einem trüben Tümpel, irgendwo auf dem
platten Land zwischen Feldern und quakenden Fröschen. Dabei schaut sie ziemlich
resolut und herausfordernd. Ganz in schwarz weiß ist das Cover gehalten, nur
der Titel prangt in rosa: „Knietief im Paradies“. So heißt auch Tausendschöns
aktuelles Bühnenprogramm. Doch das jetzt erschienene Album ist alles andere als
das Nebenprodukt eines Kabarettabends: Fast die Hälfte der Songs kommt dort
überhaupt nicht vor und die CD folgt einer komplett eigenen Dramaturgie. Die
mit zahlreichen Preisen wie Salzburger Stier und Deutschem Kabarettpreis
ausgezeichnete Kleinkünstlerin zieht darauf alle stilistischen Register ihrer
Sangeskunst – und die sind zahlreich. Natürlich spielt sie ihr parodistisches
Talent aus, schlüpft lustvoll in Rollen wie in „Armes Mädchen“, einer
grandiosen Persiflage auf eine AfD-Anhängerin im bombastischen Rammstein-Sound,
oder singt als naive Ludmilla mit russischem Akzent die hinreißende Polka „Ich
hab mein Körper“. Aber Tausendschöns neue CD erschöpft sich keineswegs in
musikkabarettistischen Kabinettstückchen, sondern beleuchtet vor allem ihre
andere Seite: die der originellen und durchaus politischen Songwriterin mit
feinem Sensorium für den Zeitgeist nämlich. Ob sie nun in zartem Hiphop-Sound
den Jugendwahn aufspießt („50 ist das neue 30“) oder wunderbar ironisch die
„Neue deutsche Leichtigkeit“ besingt. Vor allem um zwei thematische
Schwerpunkte kreisen die zwölf Songs: um Deutschland und um Sehnsucht. Gleich
mit dem Opener leistet Tausendschön ihren Beitrag zur Willkommenskultur mit
„Willkommen to Germany“. Darin umreißt sie so knapp wie treffend das
Lebensgefühl in Merkel-Deutschland: „Das schwarze Loch das hat Rautenform,
darin verschwindet die SPD und auch der Widerstand, das ist enorm. Hier gibt’s
keine Visionen, denn wir haben VW.“ Im Titelsong, einer wunderschönen und
eingängigen Ballade mit schluchzendem Cello, outet sich die Sängerin dann als
trotzige Idealistin: „Ich will die Welt verbessern und ich fange heute an“.
Ihre paradoxe Begründung: „Es ist viel zu spät, ein Pessimist zu sein“. Soll
heißen: auch wenn es für eine Rettung vielleicht schon längst zu spät ist, der
dramatische Zustand der Erde lässt uns keine andere Wahl, als jetzt aktiv zu
werden.

Paradoxien liebt
diese Künstlerin. Das gilt auch für das andere Leitmotiv ihres neuen Albums –
die Sehnsucht. Sehnsucht bedeutet für sie beispielsweise: „Ich möchte so gern
wieder Mangel spüren, will sagen können, hey, wir hatten damals nichts.“
Tausendschön ödet die Sattheit einer Gesellschaft im Überfluss an, die
Wegwerfmentalität und die hohlen Versprechen der Werbung, während man in
Wahrheit nur noch Leere empfindet. „Sehnsucht nach Sehnsucht“ heißt denn auch
ihr Song zu dem Thema, getrieben von dem Wunsch, überhaupt wieder etwas zu
spüren. Gleichzeitig singt Tausendschön über ihre Süchte, wissend, dass in der
Sehnsucht das Wort Sucht schon enthalten ist. „Herrin der Süchte“ möchte sie
sein, nur beim Sex, da möchte sie gerne weiter schwach werden…

Es ist diese
Mischung aus dem Bekenntnis zu depressiven Tendenzen und dem frechen Aufbäumen
dagegen, aus Melancholie, Humor und Temperament, die Tausendschön so
einzigartig und unwiderstehlich macht – und ihre neue CD ohne Zweifel zu einer
der stärksten ihrer Karriere. So breit wie das emotionale Spektrum ihres neuen
Albums, so abwechslungsreich kommt es auch musikalisch daher. Das
Instrumentarium reicht von der singenden Säge über die Ukulele und satte
Streicherarrangements bis hin zum Omnichord mit seinem Nostalgiesound der 70er
Jahre. Vor allem aber hat Nessi Tausendschön keine Angst vor schönen Melodien.
Poppig muss kein Schimpfwort sein, wenn das Resultat so sinnlich und
abwechslungsreich klingt wie diese zwölf Songs, liebevoll abgemischt von
Tausendschöns langjährigen musikalischen Weggefährten Paco Saval und William
Mackenzie. Letzterer drückte der Produktion auch mit seinem lässigen,
punktgenauen Gitarrenspiel den Stempel auf. Der Sound ist einfach zum Reinlegen
– paradiesisch eben.

Ein Derwisch in vielen Facetten Weinheimer Nachrichten

Von unserer Mitarbeiterin Margit Raven

HEMSBACH. Bereits zum vierten Mal ist die große Komödiantin und virtuose Stimmakrobatin mit dem Temperament eines Vulkans zu Gast in der Kulturbühne "Max". Und wie immer, wenn Nessi Tausendschön dort ihr herrlich verrücktes Unwesen treibt, fliegen ihr die Herzen zu. Wenn sie tanzt wie eine Elfe, sich verrenkt wie eine Schlange ("Ich kann sogar Krankheiten"), ihr greller Sopran, der ein wenig in den Ohren schmerzt, synchron zu ihrer singenden Säge die Gläser vibrieren lässt, oder wenn sie einfach nur schimpft wie ein altes Marktweib: "Sie da vorne in der ersten Reihe, was fällt Ihnen ein, Ihr geistiges Getränk auf meiner Bühne abzustellen!"Uneitel, mit frechen Fabulierun- gen verabreicht sie, unter dem Deckmantel entspannender Abendunterhaltung, eine Gift-Oblate nach der anderen und geht mit allem und jedem ins Gericht, manchmal auch mit der Politik, die sie gerne als "eine riesige Orgel mit den dazugehörigen Pfeifen" bezeichnet(...)Als wäre das noch nicht genug, steht noch ein Fest ins Haus, ihr 20- jähriges Bühnenjubiläum. Aus diesem Anlass hat Nessi die besten Nummern ihrer letzten Programme im Gepäck. Zur großen Gaudi aller auch den torkelnden Schutzengel mit der blonden Lockenpracht und dem "kleinen Alkoholproblem". Aus dem Dekolleté zieht sie einen "Seelenschmeichler" nach dem anderen und behauptet mit heller Kinderstimme: "Der Schutzengel von Jürgen Trittin hat ein Herz aus Spinat."Einen neuen Bühnenpartner hat Nessi auch mitgebracht. Es ist der Kanadier William Mackenzie, ein brillanter Slide-Gitarrist, der oben- drein jonglieren kann und dazu auch noch komisch ist. Mit ihm zusammen ist das Album "hide & speak" entstanden, vorgestellt haben es die beiden bereits in Indien und Kanada. Auch dem Hemsbacher Publikum präsentieren sie ein paar Kostproben ihrer ungeheuer facettenreichen CD, auf der Rhythmik und Ro- mantik miteinander vereint sind. 15 betörende Songs sind entstanden, die alle aus der gemeinsamen Feder von Nessi und William stammen.Die Überraschung im Publikum ist groß, als Nessi Tausendschön zu den warmen Klängen der Akustikgitarre so einfühlsame Songs wie "Trust in me" oder "I’m so lonesome" singt. Mit ihrer voluminösen und schmiegsamen Drei-Oktaven- Stimme entpuppt sich die polternde Ulknudel als brillante Jazzsängerin. Diese Frau ist voller Kontraste. Ein komödiantischer Höhepunkt, der dem Zwerchfell der Zuschauer Höchstleistung abverlangt, ist ihre in schwindelndem Tempo herunter geratterte "Live-Reportage" von der "Weltmeisterschaft im Kunstvögeln", wo vom "doppelten Kinsey" über die "eingesprungene Gemächtwende" die "Latte ziemlich hoch liegt".

"Ob ich das nötig habe?", fragt sie anschließend. "Nein, hab’ ich nicht, aber es macht mir Spaß! Außerdem soll man sich beim Publikum nicht anbiedern." Oder vielleicht doch, mit ein paar Zeilen aus Nessi Tausendschöns Gedichten, die die Welt nicht braucht. "Was reimt sich auf "ürzen", Sie da vorne!" Ja, Nessi kann streng sein wie eine Gouvernante. Fehlt nur noch Gabi Pawelka, die Seminarleiterin mit dem sächsischen Zungenschlag und dem Leitspruch "Scheitern als Schanze". Im braven Kostümchen, die Haare zum Dutt gedreht, steht sie da und er- zählt von ihrem Hobby: "das Anfertigen von Trockengestecken in den Landesfarben". Doch Gabi fehlt einzig und allein ein Mann. "Du herrlicher Gatte, da unten in der Dunkelheit," fleht sie ins Publikum, "Du kannst ruhig dick und kahl sein, aber einen soliden Beruf solltest Du haben, vielleicht Sanitärfachmann oder Bestatter, den gesch. . . und gestorben wird immer."

Zum Abschluss gibt es noch ein Schlaflied in Kyrillisch. "Das hat mir meine Kinderfrau Ludmilla immer gesungen", bekennt Nessi. Ja, russisch kann sie auch, so wie Hape Kerkeling holländisch, die Balalaika spielt die Nessi mit Stimme und flinkem Zungenschlag, dazu wirft sie die Beine in die Höhe wie ein Kosake, und Kollege William Mackenzie haut wie ein Wahnsinniger in die Saiten. Nessi Tausendschön, dieser Allround-Derwisch, serviert aus ihrem unergründlichen Humor-Reservoir einen Energie-Cocktail nach dem anderen, um am Ende im Applaus des vollkommen aus dem Häuschen geratenen Publikums zu baden.

Sie verabreicht eine "Gift-Oblate" nach der anderen: Nessi Tausendschön.

WAZ, 21.10.12
Von Christel R. Radix
"Kabarett muss auch mal weh tun"

Schwerte. Anmutig, unschuldig aussehend, brav gekleidet, mit einer kleinen Kamera um den Hals betritt die Kabarettistin und Chansonnette Nessi Tausendschön die Bühne. "Ich mache immer ein Vorher-Nachher-Foto. Machen sie mal ein hübsches Gesicht", befiehlt sie dem Publikum. "Ach bleiben Sie so!" Schnell wird klar, dass wird kein Abend für Sensibelchen. "Die wunderbare Welt der Amnesie" war der zweite Kleinkunstabend mit dem Titel "Von Sehnsucht, Traum und Abendteuer" am Samstag in der Rohrmeisterei überschrieben. An Nessi Tausendschöns Seite der meist stoisch dreinschauende kanadische Gitarrist William Mackenzie. Mit ihm, ist sie "eine Konifere im Großkunstbereich", teilt sie dem Publikum mit. Auch weist sie das Publikum in die Schranken. Ein Handy klingelt: "Ich kann nur hoffen, dass sie Arzt sind und zu einer dringenden Blindarm-Operation gerufen werden, oder eine Schwangere ihre Hilfe braucht!" Ein Gast hustet: "Ich habe am liebsten ein gesundes Publikum!" Und die, die in der ersten Reihe sitzen, laufen ständig Gefahr, zum Gespött zu werden. Ja, Nessi Tausendschön ist nichts für Mimosen, sie geht auf Konfrontationskurs mit dem Publikum. Sie provoziert und fordert heraus. 

Es dauerte einen kleinen Moment, bis der Funke übersprang und die Tausendschön, die sämtliche Genres beherrscht, mit ihrer frech-frivolen Art das Publikum eroberte. Sie bringt mit ihrem neuen Programm eine gehörige Prise Anarchie auf die Bühne. Sie will sie sich nicht mit der medizinischen Seite der Amnesie befassen, sondern mit dem Vergessen. Und haut gleich einen raus, das bei einigem der Atem stockt: "Kennen Sie die deutsche Deklination von Vergessen? Vergessen, wir vergaßen, wir haben vergast." Um anzufügen: "Kabarett muss auch mal weh tun".

Akrobatische Einlagen

Die Tausendschön ist auch politisch. Bei der Erklärung, wie die Amnesie-Maschine funktioniert, entwickelt sie Verschwörungstheorien. Dass Gerhard Schröder den Osten geflutet hat, um die Wahl zu gewinnen, war schon einigen bekannt. Das jedoch Irans Präsident Mahmud Achmadinedschad Michael Jackson hat umbringen lassen, um von der "grünen Revolution" abzulenken, oder Karl-Theodor zu Guttenberg hinter der Fukushima-Katastrophe steckt, damit seine Schummeleien bei der Doktorarbeit nicht mehr im Fokus stehen – diese abstrusen Theorien, brachten der Kabarettistin laute Lacher ein.

Die Tausendschön kann auch singen. Und wie. Mit ihrem wohl modulierten Organ, verziert sie melodisch ihre Lieder – mal Liebeslied, mal Chanson mit frechen Texten, in deren Mitte sie auch schon mal über sich selbst lachen muss. Die Tausendschön ist eine Stimmakrobatin. Sie imitiert perfekt Prominentenstimmen wie die von Angela Merkel, Nina Hagen oder Nena. Sie parodiert Max Raabe, begleitet sich und den virtuos aufspielenden Mackenzie auf der singenden Säge, ahmt seine Soli mit einem Kinder-Megafon nach, und, und, und.

Uneitel, mit frechen Fabulierungen, auch derber Ausdrucksweise, selbstironisch und unprätentiös geht die Entertainerin mit allem und jedem ins Gericht - auch mit sich selbst. Sie überzeugt als "Ich-AG bei der DB" ebenso wie als Ludmilla aus Kasachstan" oder als Gabi Pawelka. Sie zeigt auf der Bühne Musiktheater, Varieté, Kabarett, akrobatische Einlagen und hat mit William Mackenzie einen ebenbürtigen Bühnenpartner, der nicht nur Gitarre spielte, sondern auch mit albernen Zaubertricks das Publikum für sich einnahm.

Remscheider Generalanzeiger 12.03.2012
Von Frank Becker

"Das Beste" von und mit Nessi Tausendschön

Seit 20 Jahren ist Nessi Tausendschön auf deutschen Kleinkunstbühnen unterwegs. Deshalb hat sie "Das Beste" zusammengestellt, ein Programm der Höhepunkte.
"Ich weiß nicht, ob Sie hier in Wermelskirchen schon mit Kultur in Verbindung gekommen sind", stellte sie am Samstagabend in der Katt in den Raum. Aber auch: "Sie werden uns lieb gewinnen!"
Ein Versprechen, welches die Künstlerin mit Partner William Mackenzie an der Gitarre einlöst. Nessi Tausendschön ist praktizierter Frustschutz, wie das befreiende Lachen über ihre atemlose Live-Reportage im Radio von den Weltmeisterschaften im Kunstvögeln, mit eingesprungener Gemächtwende und anderen Spezialitäten belegt. Der Frage, ob sie das nötig habe, beugt sie vor: "Hab' ich nicht - aber es macht mir Spaß!" Und sie kann es sich leisten, denn sie ist geistreich.

"Man darf sich beim Publikum nicht anbiedern". Nessi Tausendschön beherzigt das im harschen Dialog mit der ersten Reihe (dort möchte man nicht unbedingt sitzen) und mit naseweisen Zwischenrufern, die sie wirklich nicht mag: "Sie machen mir mein ganzes Programm in' Arsch!" Nessi beherrscht, beweglich in Hüfte und Arm, die neue deutsche Leichtigkeit und den Ausdruckstanz, trägt hochwertige Lyrik mit Meta-Ebene vor, ist eine ulkige Nudel, spielt die singende Säge und das "Theremin" und bricht alle Regeln des Kabaretts. Auch das darf sie. Denn sie ist genial.

Nessi Tausendschön hat neben ihren lieblichen Liedern und skurrilen Songs ("Eisprung") eine Paradenummer, die allein genügen würde, ihr alle Klein- und Großkunstpreise zuzusprechen. Im schulterfreien weißen Kleid und mit zerzauster weißer Perücke (wo sind die gerupften Flügel geblieben?), in der Hand eine Weinflasche, aus der sie freigiebig auch die ersten Reihen versorgt, betritt sie als leicht angetrunkener "Schutzengel von Frau Tausendschön" die Bühne, erobert mit zuckersüßem Lächeln und rutschendem Dekolleté auch das letzte noch verschlossene Herz und beklagt den Zustand der Welt:"
Die Kinder heißen heute nicht mehr Kinder, sondern Kids und haben keine Kultur mehr. Die legen sich eine Reinigungskassette ein und tanzen dazu! Und ich stehe hier und trage Betroffenheitslyrik vor!"

Über ihr Alkoholproblem redet sie offen, säuft sich an, gerät völlig aus dem Leim und singt in der Engels-Tonart C-Dur "Ich trink mir die Welt schön". Vergessen wir auch nicht Seminarleiterin Gabi Pawelka ("Scheitern als Schangse"), resche Heiratskandidatin aus Schkopau und eigentlich Wunschfrau eines jeden Einsamen. Das steht sie im spacken geblümten Vorhangstoff-Kostüm und buhlt in postsozialistisch strenger Haltung um die Gunst des möglichen Zukünftigen. Also, wer die nicht nimmt! Das ist Nonsens mit Tiefgang, Albernheit von hohem Rang. Nessi ist einzig.



Wiesbadener Tagblatt 15.02.2012
Von Sabine Bongartz

Bad Schwalbach: Kabarettistin Nessi Tausendschön bringt die Waldbühne zum Beben

Nessi Tausendschön, die sich als ausgebildete Ziergärtnerin nach dem gemeinen Gänseblümchen benannt hat, bewegt sich meist in Extremsituationen. "Es gibt nur Geborgenheit oder Ekstase, beides geht nicht", versichert die mehrfach preisgekrönte Powerfrau auf der ausverkauften Kleinkunst Waldbühne im alten Bahnhof.
So bringt sie ebendiese dann zum Beben mit vielfältigem, humorvollem Gesang, den sie mit dem Klageklang einer singenden Säge oder dem Rhythmus-Radau indischer Ess-Schalen unterstützt. Oder aber sie gleitet auf der "Schleimspur der Geruhsamkeit" dahin, um die "Harmonie-Kacke" zu bedienen, die das Publikum gerne hört. Der "kanadische Dreamboy" William Mackenzie zeigt sich musikalisch auf mehreren Gitarren und einer Fußtrommel als kongeniale Ergänzung der äußerst abwechslungsreichen Entertainerin.

"Die wunderbare Welt der Amnesie" heißt das Programm, mit dem Nessi Tausendschön ihre Kompetenz im Vergessen und Verdrängen offenbart. Schließlich bezeichnet sie sich selbst als eine "Konifere" auf dem Gebiet der Abschweifung, da darf die eine oder andere Verfaselung durchaus sein. Denn es ist ein "verdammt schmutziger Job, Nessi Tausendschön zu sein".
Manchmal altert einem das Kabarettpublikum weg, (in Bad Schwalbach jedoch nicht, da sei man sensibel und facettenreich), oder es prallt einem von Anfang an eine Kaltfront entgegen. Da heißt es erst mal, die Wolken aufzulösen und für eine kleine Schönwetterphase zu sorgen. Solche "postfrontale Subsidenz" zuzulassen, zeige die wahre Größe eines Künstlers. Manche "Publikümer müssen ja zum Lachen gezwungen werden", aber die Bad Schwalbacher Waldbühnengäste bejubeln die Kunstfiguren Ludmilla Semipalatinskaja aus Kasachstan oder die sächselnde Gabi Pawelka im Rosenkostüm begeistert.

Die abwechslungsreichen Songs, oft gepaart mit peppigem Hüftschwung und sei der Blumenrock noch so eng, handeln vom betrunkenen Schutzengel, schicken Ariane zur Hölle oder schieben alles aufs Hormon (Testosteron). Beim Gitarrensolo Mackenzies zur Untätigkeit gezwungen, scharrt sie dann schon mal ungeduldig mit den Füßen, denn das Hauptthema des Programms ist schließlich Nessi Tausendschön. Da läuft sie auch mal entrüstet einer Zuschauerin aufs Klo hinterher, die mit dem Telefon am Ohr den Saal verlassen hat, und kreiert die Schlagzeile des nächsten Tages: "Frau trat aus und demütigte Kabarettistin bis ins Letzte!"

Aber sie gesteht auch gerne: "Ohne Mackenzie I would be a krächzing wörm!" Das stimmt nicht so ganz, denn singen kann sie nun wirklich in allen Facetten, außerdem improvisieren und parodieren. Da verrät Angela Merkel im Horst Schlämmer-Stil ihre Krankheiten ("Ich hab Profalla und sogar Niebel-Lungen!") oder zeigt ihre Nachahmungsgabe näselnd wie Max Raabe, keuchend wie Nena oder schrill wie Nina Hagen. Dem unverhohlenen Hang des Publikums zuliebe macht sich Tausendschön freiwillig zum "Kaschper, oder besser zur Kaschpöse".

Von klein auf "intellektuell durchseucht" kann sie aber auch melancholisch und lässt ihre Eitelkeit so manches Mal in der Garderobe zurück. Mit den zu Haarhörnern aufgezopften Locken verkündet die Kabarettistin, Originalität sei die Kunst, sich Bonmots zu merken, aber zu vergessen, von wem sie sind. Ihren tiefsinnigen, feinfühligen Humor wird so schnell sicher niemand vergessen, zumal Nessi Tausendschön oft auch im Fernsehprogramm und somit im heimischen Wohnzimmer präsent ist.




Rheinische Post 08.10.2011
Von Sabine Wotzlaw

Brillante Nessi Tausendschön

Ganz in Schwarz mit einer kleinen Kamera um den Hals betritt sie die Bühne. Gleich zu Beginn ihres Programms macht die Chansonette Nessi Tausendschön Erinnerungsfotos von ihrem Publikum. "Machen Sie mal bitte ein nettes Gesicht. Und geben Sie sich gefälligst ein bisschen Mühe", befiehlt sie. "Wenn Sie hinterher nicht erkannt werden wollen, machen Sie sich einfach unscharf."

Jetzt präsentierte Tausendschön, der zurecht die Zunge von der Kraft einer Reitpeitsche und die Stimme eines Engels nachgesagt werden, die Deutschlandpremiere ihres neuen Programms "Die wunderbare Welt der Amnesie" im Kom(m)ödchen. Begleitet wurde sie von dem kanadischen Gitarristen William Mackenzie.

Trotz des ernst anmutenden Themas konnte sich das bunt gemischte Publikum das Lachen nicht verkneifen. Nach einer Einführung ins Programm "der nächsten fünf Stunden", ist sie plötzlich mitten im Thema: "Der Titel will schließlich mit Inhalt gefüllt werden." Während ihr eigenes Gedächtnis manchmal ungewollt ausfalle – wie etwa beim letzten Muttertag – setzten die Medien gezielt auf das Vergessen. Die Presse sei eine riesige Amnesiemaschine, "die immer neue Nachrichten produziere, damit andere unter den Tisch fallen" könnten. So etwa, als die Welt 2009 nach den Präsidentschaftswahlen auf die Demonstrationen im Iran schaute. "Doch dann starb Michael Jackson." Politiker sind für sie wie Tauben: "Sind sie unten, fressen sie uns aus der Hand. Sind sie oben, bescheißen sie uns." – Lacher. Applaus.

Mit ihrer Stimme kann die Meisterin der oft bösen Fabulierkunst mindestens genauso gut spielen wie mit Worten. Mal parodiert sie gekonnt Max Raabe, Nena und Nina Hagen. Mal zeigt sie dem Publikum mit melancholischen Liedern ihre verletzliche Seite, begleitet von einer singenden Säge. Wunderbar selbstironisch und fern von weiblicher Eitelkeit geht die Komödiantin mit sich und der Welt ins Gericht. Als "Ludmilla aus Kasachstan" ebenso wie als "Ich-AG bei der DB". Ein Abend, den ihre Zuschauer ganz sicher so schnell nicht vergessen werden.




Eßlinger Zeitung 24.03.10
Von Petra Bail 

Aus der Gasse und der Gosse in die Gosche

Die Kabarettistin Nessi Tausendschön mit "Perlen und Säue" im Stuttgarter
Renitenz Theater 

Stuttgart - Nessi Tausendschön macht nicht viel Federlesens. Sie zeigt
sofort, was sie drauf hat, und erfreut ihr Publikum im Renitenz Theater mit Ausdruckstanz à la Valeska Gert. Hingebungsvoll führt sie "die
Welle" zur "Neuen deutschen Leichtigkeit" vor, schlangenartige Bewegungen,
die in ihrer Lieblichkeit so gar nicht zu dem passen wollen, was die vielfach ausgezeichnete Diseuse und Kabarettistin an Sticheleien gegen die Artgenossen von sich gibt. "Wir haben jetzt Cyber-Sex, trinken Capuccino mit Milchschaum statt mit Sahne, und wäre Jesus ertrunken, hätten wir ein Aquarium in der Schule".

Tausendschön ist eine Meisterin der Fabulierkunst und der absurden
Geschichten. Wenn sie sich als Gabi Pawelka im spinatgrünen Kostümchen auf hormonell gesteuerte Partnersuche begibt, sind der Frauen-
Phantasie keine Grenzen gesetzt. Der Themen gibt es viele, über die sie
herzieht. Politiker- und Promischelte sind im Kabarett obligatorisch: Westerwelle ist ein "irreversibler Fehltritt der Evolution". Aber auch das Publikum wird nicht verschont. "Noch lachen sie", warnt Nessi Tausendschön am Anfang und rügt diejenigen, die meinen, das Programm sei interaktiv. Man müsse Prioritäten setzen, betont sie und macht klar: Die Priorität steht mittig auf der Bühne. Dennoch geht sie immer wieder auf die freudigen Reaktionen
der Zuschauer ein. Greift ein Gackern und einen vorlauten Zuruf auf. Das
macht sie bei aller verbalen Gehässigkeit sympathisch, vor allem, wenn sie sich selbst einbezieht und laut fragt, was alle denken: "Warum keift die Alte so? Warum ist die so schlecht angezogen?" Ihre Antwort kommt prompt. "Wir waren jung und links und brauchten das Geld. Das ist besser als alt und reich und satt zu sein." Ja, die Menschheit, das Publikum und sich selbst wollte sie verbessern. Ein hoher kabarettistischer Anspruch, der seit den Zürcher Dada-Zeiten nicht mehr so recht gelungen sein dürfte. Vom "Chansonettencamp beim Vietkong" weiß sie noch, wie man Menschen mit Gesang foltert. Das tut sie mit den beiden teuflischen Haarknötchen auf dem Kopf, die wie vorwitzige Bockshörnchen aussehen, oft und gern. Unterstützt wird Nessi Tausendschön dabei von dem kongenialen Begleiter am Klavier, Marcus Schinkel. Welch gutes Team die beiden sind, wird insbesondere bei der Zugabe deutlich: Als
Geburtstagsständchen für eine Dame aus dem Zuschauersaal schlägt Schinkel "Spiel mit das Lied vom Tod anstimmt" an, und die stimm- und 
wortgewaltige Kollegin improvisiert sich schier um Kopf und Kragen. Ob das
spontan war, sei dahingestellt. Jedenfalls war’s gut. Tausendschöns Figuren sind überzeugend. Der Schutzengel etwa hat einen kleinen Webfehler, sprich ein Alkoholproblem. Mit leicht verwischter Aussprache und lockiger Blondhaarperücke plaudert der Rauschgoldengel aus dem Nähkästchen der geflügelten Kollegen. Der Schutzengel von Wolfgang Schäuble hat Angst vor ihm. Der von Seehofer ist schwanger, schon zum zweiten Mal,
und der von der SPD ist amputiert, am linken Flügel. Tausendschön spricht von kleinen Freiheiten und steuert grantelnd, keuchend, ächzend, spuckend und tirilierend die kleinen Fluchten nach vorne an, immer munter hinein ins Publikum, das sogar mit einer Dusche rechnen muss.

Als Komödiantin hat Nessi Tausendschön das Rad nicht neu erfunden und
dennoch macht es Spaß, ihren kleinen Frechheiten zuzuhören, weil sie sich lebensklug mit der Gosche aus der Gasse und der Gosse bedient. Sie denunziert nicht, sie gibt nur Hinweise. Die wahren Pointen spielen sich in den Köpfen ab



Die Stimme Heilbronn
Von Monika Köhler

Knallharte Wahrheiten in Poesie

Unprätentiös, selbstironisch und weit ab von weiblicher Eitelkeit: Nessi
Tausendschön im Alten Theater
Heilbronn - Lieber mal ein paar Vorher-Nachher-Bilder vom Publikum machen.
Man kann nie wissen, wen man vor sich hat und wie der sich im Lauf des
Abends verändert. 

Nessi Tausendschön setzt die Kamera ab und zeigt sich irritiert: Keine
Arbeiter und Bauern unter den Zuschauern? Nur eine Elite aus Lehrern und
Sozialpädagogen? Was ist da schief gelaufen? Wie gut, dass ein Programm mit dem klingenden Namen "Perlen und Säue" für jede Zielgruppe passt. Da lässt sich doch gleich ein böser Abgesang anschließen auf die "Partei, die immer recht hat". Im Stile eines sozialistischen Arbeiterliedes, versteht sich.
Haarsträubende Fakten Im Pepita-Köstüm mit Oma-Pelzkragen und altertümlicher Turmfrisur ist Nessi Tausendschön im Alten Theater Sontheim in ihrem Element. Und fasziniert mit haarsträubenden Fakten über ihre Karriere von der Demo-Tante im Jahr 1958, als das Wort "Atomkraft noch nicht erfunden war", bis zur "Konifere in der Unterhaltungsbranche".

Die Welt verbessern wollte sie schon immer. Und so verwundert es kaum, wenn die Vollblutkabarettistin, Schauspielerin und ehemalige Sängerin
verschiedener Rock- und Jazzbands mit eindrucksvoller Stimme zum elegischen Gesang anhebt, um den "verschrumpelten Herren" im Publikum die Angst vor dem Tod gehörig auszutreiben.

Jüngst erst mit dem Ausdruckstanz begonnen, beherrscht sie bereits Bilder
wie "Mettbrötchen" und "Löschblatt" und verwandelt sich im unendlich erweiterbaren roten Designer-Schlauchkleid in eine Welle, um, begleitet von Marcus Schinkel am Flügel, die "Neue deutsche Leichtigkeit" zu intonieren.
Singende Säge. Da ihr bewusst ist, dass man Menschen mit Gesang foltern
kann, greift sie zur singenden Säge. Und kaum lässt sich sagen, welcher
Canto schaurig-schöner wäre. Geradezu lustvoll ist der Umgang der studierten
Germanistin mit der Sprache, ob auf Hochdeutsch, im ostdeutschen Dialekt
oder ganz ohne in einer grotesken Stummfilm-Parodie. 

Unprätentiös, selbstironisch und weit ab von weiblicher Eitelkeit, mimt Nessi ihren eigenen beschwipsten Schutzengel, zitiert mit entgleisender Gebärde Passagen aus ihrer Biografie und verpackt in skurrilen Songtexten knallharte Wahrheiten in Poesie. Da hagelt es Begeisterungstürme. 




Welt am Sonntag, 28.09.08
von Hans Hoff

Internationale Bügelmusik

Die Kabarettistin Nessi Tausendschön ist unter die Sängerinnen gegangen. Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen
An grossen Zielen und skurrilen Ideen hat es Nessi Tausendschön noch nie gemangelt. "Einmal werde ich berühmt", fantasierte die Kölner Kabarettistin schon auf ihrer CD "Restwärme" und fasste einen festen Vorsatz: "Harald Schmidt ruft an, doch ich habe keine Zeit", lautete der Plan, den sie zu einer Robbie-Williams-Melodie intonierte. Und "Königin von Deutschland" wollte sie frei nach Rio Reiser auch schon mal werden.
Dass es mit den hehren Vorhaben nicht so geklappt hat, zeigt sich, wenn man die einschlägigen Gesellschaftsillustrierten aufschlägt und kein Wort über Nessi Tausendschön entdeckt. Immer noch ist sie die fleißige Bühnenbiene, die bei 120 Terminen pro Jahr ein meist überschaubares Publikum mit fein verzwirbelten deutschen Texten besingt. Doch das Leben im Schatten könnte sich aufhellen, denn Frau Tausendschön hat für ein besonderes Projekt ihren Nachnamen abgestreift, heißt vorübergehend nur noch Nessi und wandelt mit ihrer wunderschön internationalen Bügelmusik auf den Spuren der Sängerin Norah Jones.
Das mit der Bügelmusik sagt sie selbst. "Aber es ist nicht als Abwertung gemeint", beeilt sie sich, hinzuzufügen. "Hide & Speak" heißt das zugehörige Album, das gerade erschienen ist (Hörproben bei www.nessimusic.com) und nun die Musikwelt auf die neue, die Englisch singende Nessi einstimmen möchte. "Es ist kein richtiger Mainstream, aber für mich hat es Hitqualität", sagt sie und ist plötzlich doch wieder bei den großen Worten gelandet. Aber sie kann auch anders. "Vielleicht schlägt die CD ja ein", sagt sie ganz leise und offenbart, dass sie sich auf dem neuen Terrain nicht auskennt. In der Kabarettszene weiß sie Bescheid, aber die Welt der großen Musikfirmen ist ihr fremd.

In der Tat ist Nessi Tausendschön eine anerkannte Marke der deutschen Kabarettkultur. Sie zieht immer Menschen an, mal 500, am anderen Tag sind es nur 50. Sie war Gast bei "Zimmer frei", in "Ottis Schlachthof", bei den "Mitternachtsspitzen" und beim "Scheibenwischer". Sie hat Kabarettpreise abgeräumt und fällt gerne mal auf durch ihre abenteuerliche Frisur. Immer aber war Nessi Tausendschön eine Garantie für ein bisschen was Schrilles, ein bisschen was, das aus der Rolle des Gewöhnlichen fiel.
Die vom Nachnamen befreite Nessi ist da ganz anders. Sie klingt nie schrill, sie sucht im Gewöhnlichen das Besondere und findet es mithilfe ihres Lebenspartners William Mackenzie, der wunderbar entspannte Dobro- und Slidegitarrenklänge beisteuert. "Hide & Speak" ist genau das Album, das Norah Jones vielleicht herausgebracht hätte, wenn ihr Hauptinstrument die Gitarre und nicht das Klavier wäre.
Seinen Ursprung hat das Projekt Nessi im indischen Goa, wohin sich das Musikerpärchen gerne einmal für ein paar Wochen im Jahr zurückzieht. Eine schöne Mischung aus Einheimischen und europäischen Freaks findet sich dort, und auf dem örtlichen Nachtmarkt erklingen dann jene Lieder, die sehr deutlich inspiriert werden von der Nacht unter indischen Sternen. Mit der Kollegin Sissi Perlinger hat Nessi dort schon so schön gesungen, dass einer Gruppe von Engländern die Luft wegblieb. "Denen stand echt der Mund offen", berichtet Nessi begeistert.
Der schönste Abend aber war wohl jener, an dem sie gemeinsam mit ihrem Freund ein paar ihrer geübten Lieder zum Besten gab und das Publikum so begeisterte, dass es immer mehr forderte. Als ihr normales Repertoire erschöpft war, begannen sie zu improvisieren und begegneten plötzlich ganz neuen Klängen. Ein bisschen entspannter Folk, Country, Jazz und fernöstliche Mystik verbanden sich plötzlich zu einer betörenden Mischung. In jener Nacht wurde Nessi geboren.
William Mackenzie ist Kanadier, und es lag nahe, es auch in seiner Heimat mal mit den neuen Klängen zu versuchen. In einem Club wurde der renommierte Gitarrist Harry Manx auf die beiden aufmerksam, lud sie in sein Studio ein und produzierte mit ihnen und dem Gitarristen Kevin Breit, der für Norah Jones den Song "Humble Me" geschrieben hat, 15 Songs. Die 45-Jährige hat ihr Produkt nicht einer großen Plattenfirma anvertraut, sondern dem kleinen Düsseldorfer Verlag "con anima", der auch Platten von Volker Pispers oder Matthias Richling verlegt. Nessi ist eine große Chance für die singende Kabarettistin, eine Möglichkeit ihr Spektrum dauerhaft zu erweitern - und ihren pfiffigen Witz ein bisschen zu globalisieren.



TROTTOIR (Heft 58) März-Mai 2008
von Sybille Zerr

20. Internationale Kulturbörse Freiburg
Schöne neue Messewelt


(...) Aufs Börsenparkett begab sich nicht nur sensationeller Nachwuchs. Auch gestandene Formate wagten den Schritt. Nessi Tausendschön ist so ein Kaliber. In jeder nur erdenklichen Position vollführt sie im aktuellen Programm "Perlen und Säue" das Kamasutra des "Frustschutzes". So zeugte ihre Nummer mit der Sportreporterin von überragend genialischer Eloquenz. Es verlangt schon geballte Wortpotenz, um bei der Berichterstattung zu den "Deutschen Meisterschaften im Kunstvögeln, live am Empfangsgerät" derartige Inbrunst auszulösen, dass das Publikum in einem Zuge mehrfach Höhepunkte erlebt. Nein, sie hat es wirklich nicht nötig, sich auf dem Börsenparkett zu beweisen, aber ihrem Publikum hat sie damit eine übermäßig große Lust bereitet. Dem frischen Auftritt mit singender Säge und frechem Liedgut verlieh Marcus Schinkel zudem einen fulminanten Flügel. (...)



Augsburger Allgemeine, 29.02.2008
von Heike Schreiber

Der Engel, der eine freche Diva war
Das Publikum kann gar nicht genug Zugaben von Nessi Tausendschön bekommen


LEIPHEIM Wie soll man diese Frau beschreiben? Die einen nennen Nessi Tausendschön eine Diva oder Adelsdame der Unterhaltung, andere schwärmen von einem emotionalen Wirbelsturm und wieder andere heben ihre koloraturstrahlende Stimme hervor. Sie selbst bezeichnet das, was sie auf der Bühne zeigt, als "skurill -poetisches Musiktheaterkabarettvarieté mit akrobatischen Einlagen". Genauso ist es. Kurzum: Was die Trägerin des Deutschen Kabarettpreises am Donnerstagabend im Leipheimer Zehntstadel geboten hat, war nicht einfach nur Kleinkunst, es war große Kunst in Perfektion.
"Perlen und Säue" ist der Titel ihres neuesten Programms und der Name ist Programm. So unschuldig und engelhaft, wie sie aussieht, ist Nessi Tausendschön gar nicht. Da geht es schon mal rotzfrech und derb zu, da perlen schon mal kleine Sauereien aus ihrem Mund. Sie wolle "Freude in die Herzen träufeln", säuselt sie, um hinterher zuschieben: "In Ihre verschrumpelten Leipheimer Herzen." Nessi Tausendschön spricht, singt und schauspielert sich in die Herzen der Zuschauer.
Mit ihrer nicht ernsthaft gemeinten Selbstbeschreibung, sie sei eine "prächtige Erscheinung", trifft sie ins Schwarze. Sie ist ein Variationsgenie, nicht nur durch ihren stetigen Wechsel von Kleidung und Frisuren, sondern vor allem in Ausdruck, Gestik und Stimme. Mal gibt sie den perfekten Opernsopran, dann kommt die Rockröhre direkt hinterher. Sie ist ausdrucksstark, facettenreich und unglaublich komisch, sei es als Sängerin, Kabarettistin, Schauspielerin oder als "Rezitatorin", die "fein gesponnene Liebeslyrik" mit Endreim-Effekten parodiert. Sie beherrscht "große Gefühle", wie sie sagt, sie krächzt, brüllt, flüstert, schimpft, weint. Nessi Tausendschön ist eine Vollblut-Entertainerin, die über die Bühne wirbelt – und manchmal mitten in Liedern über sich selbst lachen muss.

Auf Mannsuche

Genial ist ihre Darstellung des lange verschollen geglaubten Stummfilms "Die schwarze Hand am Sack des Grafen". Oder ihr Auftritt als berlinernde Gabi Pawelka, die nach einem Motivationsseminar auf Mannsuche geht. Am besten ist jedoch ihre Figur des alkoholabhängigen Schutzengels im Rüschenkleidchen, mit Perücke auf dem Kopf und der Weinflasche in der Hand. "Menschen mit Charakterproblemen bekommen einen Schutzengel mit Problemen", erklärt sie und wir deutlicher: "Der Engel von Roland Koch, der lügt und betrügt. Und der von der SPD hat einen amputierten linken Flügel." Umwerfend, wie sie über die Klimakatastrophe jammert, dabei lallt, heult, schreit und schniefend die Nase hochzieht.
Nach über zweieinhalb Stunden hat Nessi Tausendschön ihr Ziel erreicht: Der Applaus ist ekstatisch. Kein Wunder, nachdem sie sich zuletzt lasziv und verführerisch auf dem Flügel geräkelt und einen filmreifen Orgasmus vorgestöhnt hat wie einst Meg Ryan im Kinostreifen "Harry und Sally". Hätte Nessi Tausendschön doch nur ihre Drohung wahr gemacht, den Zuschauern Zugaben ohne Ende "aufzupfropfen", und die Türen abzusperren, damit niemand heimlich den Saal verlassen kann. Mit ihr hätte das Publikum alles ertragen.



Hessische Allgemeine, 17.01.2008
von Steve Kuberczyk-Stein

Durchgeknallte Diva
Nessi Tausendschön begeisterte in der Komödie

KASSEL. Ist sie nicht wunderbar? Oder ist sie das Resultat eines Genexperiments, das wie pures Lachgas wirkt? Diese Nessi Tausendschön, Kabarettistin aus Köln, die mit ihrer Stimme und Aura an Nina Hagen und Edith Piaf erinnert. Die für Sekunden den melancholisch sanften Zauber einer lasziven Chansonette verströmt und im nächsten Moment dem derben Charme einer Toilettenfrau das rote Abendkleid abstreift, es sich wie einen Schal um den Kopf wickelt und damit den romantischen Ballon zum Platzen bringt.
Für die Besucher, die die so vielseitig begabte Kabarett-Preisträgerin mit ihrem furiosen Programm "Perlen und Säue" (Pianobegleitung: Markus Schinkel) in der Kasseler Komödie begeisterte, dürfte sie beides sein: Sowohl eine romantisch schillernde Ulk-Diva wie auch wunderbar durchgeknallt komisch. Der Grund: Sie ist eine exzellente Schauspielerin, Sängerin und Komikerin und eben eine Persönlichkeit.
Eine, die den Zauber zwar enttarnt, ihn aber am innersten Herzen am liebsten doch leben möchte – Opernsängerin sein, Chansonette und ganz Frau. Wenn da nicht dieser bitterböse kritische Geist in ihr rumorte, der sich in exzessiven Humorsalven ausleben muss. Zum Beispiel im weiblich erotischen Ausdruckstanz, den sie so herrlich schräg überzeichnet, als wolle sie allen Frauen mal zeigen, wie dämlich sich weibliches Balzverhalten optisch ausnehmen kann.

Oder die Mär vom Schutzengel, den Nessi Tausendschön als schluchzenden Melancholiker mit Alkoholproblemen mal so richtig aus dem Nähkästchen fluchen lässt. Und wie es sich für jemanden gehört, der es liebt anzuecken, gab es als Zugabe ("Soll Mutti mal die böse Nummer bringen?" das Lied über die Vögelmeisterschaft. Das Publikum war von diesem schrägen Paradiesvogel restlos begeistert. 



Erlanger Nachrichten, 30.10.2007
von Ulrike Jochum

Alkohol und singende Sägen
Nessi Tausendschön gastierte mit «Frustschutz» im «Fifty»

«Frustschutz» heißt das Programm, mit dem Nessi Tausendschön die Besucher am Wochenende so zahlreich ins «fifty fifty» lockte, dass kaum mehr ein Platz frei blieb. Doch was ist das eigentlich: praktizierter Frustschutz? Es ist das «sich Abhärten gegen Sorgen, Seelennässe und depressives Dahindämmern. Es ist Lachen, wenn es nichts zu lachen gibt», klärt uns die Kabarettistin und Sängerin auf.

Gleich mal vorneweg gesagt, Nessi Tausendschön ist nichts für Mimosen. Menschen mit schwachen Nerven sollten sich schon gar nicht in die erste Reihe setzen. Denn Frau Tausendschön geht auf Konfrontationskurs mit ihrem Publikum. Sie fordert heraus, piekst und provoziert. Der Zuschauer reagiert, und es ergeben sich daraus immer wieder neue Lacher. Im Duo mit dem Pianisten Marcus Schinkel wird «Frustbeulen» und «Schüttelfrust» der Garaus gemacht. Frühlingsgefühle sollen da helfen, sowie die Europameisterschaften im Kunstvögeln. Doch das Programm ist so intelligent und vielfältig, dass man es kaum auf einen Nenner bringen kann. Nessi Tausendschön ist eine echte Vollblutkünstlerin, zu Recht gewann sie 2003 den Deutschen Kleinkunstpreis.

Verzweifelnder Schutzengel

Sie singt, und es wird einem warm ums Herz. Sie schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen, rüttelt als verzweifelnder Schutzengel mit Alkoholproblem auf und hantiert mit singenden Sägen. Mit ihrer eigenen und verrückten Art sensibilisiert sie für alle Facetten des Lebens.

Man verlässt das Theater und ist nachhaltig beeindruckt.



Münchner Merkur, Kultur & Leben, 07.09.2007 von Rudolf Ogiermann

Demoliertes Pathos 
Nessi Tausendschön in der Münchner Lach&Schieß




Ein gewisser herrischer Ton will nie ganz verklingen. Nessi Tausendschön gefällt sich als Kommandeuse, ob im grauen Kostüm oder im bodenlangen Roten respektive Blauen. Und auch dem Publikum in der Münchner Lach- und Schieß- gesellschaft gefällt es, angepfiffen zu werden. Eine launische Diva gibt sich hier die Ehre, eine, die damit kokettiert, eigentlich größere Häuser verdient zu haben. Und mit dieser Haltung in Zusammenhang bringen kann, wer will, auch den Titel ihres neuen Programms – "Perlen und Säue".  Aber natürlich ist die Legende von der grandiosen Karriere, die sie hätte machen können, nur Running Gag, nur Teil eines raffinierten Drehs, mit dem die Tausendschön, unterstützt von ihrem Pianisten Rolf Hammermüller, diejenigen mal becirct und mal beschimpft, die ihr zu Füßen sitzen. Diese Diseuse kann sich alles erlauben, weil sie alles kann. Beherrscht mühelos sämtliche Genres, mit denen man eine Bühne erobern kann – von der Lesung aus der Autobiografie ("Es kann nur eine geben") über die Rezitation eigener, schreiend platter (Liebes-)Lyrik bis hin zum Mini-Stummfilm. Nichts, aber auch nichts ist ernst gemeint, hinter jeder großen Geste schaut der Slapstick heraus, jedes Pathos wird demoliert. Wie soll man ihr Gurren und Schnurren, ihre raffinierten Texte nur ernst nehmen, wenn die Chansonniere dazu den Zappelphilipp gibt? Sie sind einfach gut abgeschaut und abgehört, die herbe Amazone, die "Die Partei, die Partei...!" schmettert, oder die Sportreporterin, die ekstatisch einen, pardon, "Kunstvögel"-Wettbewerb kommentiert. Und dann gibt’s da noch den Schutzengel der Tausendschön, ein allerliebst abgetakeltes Wesen, das dem Suff  verfallen ist. Aber was bleibt einem auch übrig, wenn man ein so geniales, zuckersüß zynisches Geschöpf zu beaufsichtigen hat?






Abendzeitung, Kultur, 07.09.2007

Engel des Humors.
Nessi Tausendschön nahm die Lach & Schieß ein


So sieht sie also aus, die fleischgewordene Sünde: streng das graue Pepita-Kostüm, die Haare aufgesteckt zu einem Wahnsinn zwischen Björk und Prinzessin Leia, die Lippen so rot glühend wie die Rosen die ihr Mikro umranken. Nessi Tausendschön, Kabarettistin und wandelnde Venusfalle in Einem, kitzelt visuell ihr Publikum, um bald nicht nur ihr charmantes Gift, besonders auf Reihe eins, zu verspritzen, sondern mit einem Augenaufschlag die ganze Lach & Schieß zu verschlingen.
Obwohl das Volk ihrer gar nicht wert ist, kann die Diva doch erklären, was ein "Refräng" ist  - keine Sau singt mit. "Perlen und Säue" heißt das neue Programm, die Rollenverteilung ist klar, und wahrlich hat die sich wie eine Babuschka-Puppe Kleid für Kleid entblätternde Tausendschön einige Perlen der Komik angeboten, glasklar garniert von Rolf Hammermüller am Flügel.
Da rutscht sie willentlich in die Klamotte, wenn sie als Reporterin bei einem "Vögelwettkampf" nicht nur die verbale Latte hoch hängt. Oder betört erdverbunden, wenn sie dem Eisprung eine Ode schenkt. Und macht den bunten Abend urkomisch schwarz-weiß, wenn sie strobolichtumwittert im Live-Action-Stummfilm "Die schwarze Hand am Sack des Grafen" beide Hauptrollen hinexaltiert. "Man darf sich beim Publikum nicht anbiedern", sang Tausendschön, grausam schräg  - und streichelte als Schutzengel des Humors die Herzen. (mst)




Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 03.09.2007:

Kabarett im TaS: Anmut und Größenwahn

Neuss (KaTse) Die Welt verbessern, das wollte sie immer schon. Und genau genommen tut sie das ja auch. Mit jedem Atemzug. Weil die Luft ja ohne Zweifel gereinigt wird, wenn sie durch ihren Körper strömt. An Selbstbewusstsein fehlt es Nessi Tausendschön – Temperamentbündel, begnadete Sängerin und kabarettistische Tausendsassa in einer Person – wirklich nicht, zumindest nicht, wenn sie auf der Bühne steht und sich als "Konifere der Großkunst" vorstellt, die beim Publikum "Ovulationen" auslöst. Und egal ob sie protzt, was das Zeug hält, sich eine grandiose Biographie erfindet oder mit äußerst strenger Miene das Publikum abfragt, Nessi Tausendschön macht es mit solch umwerfenden Charme und Humor, singt, schimpft und fabuliert so großartig und amüsant, dass jede Minute, die sie auf der Bühne verbringt, für ihr Publikum einfach herrlich ist.
Eine ganz besondere Perle konnte das Theater am Schlachthof am Freitag zum Abschluss des Sommerkabaretts seinen Zuschauern präsentieren: Noch bevor Nessi Tausendschön Anfang September bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr neues Programm "Perlen und Säue" präsentiert, begeisterte die Vorpremiere an der Blücherstraße vor restlos ausverkauftem Haus. 
Dabei forderte die smart-bissige Kabarettistin ihren Zuschauern einiges ab, vom fehlerfreien Mitsingen des DDR-Ohrwurms "Die Partei hat immer recht" bis zum offenen Quiz, bei dem es darum ging, jeweils eine Todesart zu finden, die sich auf "-ürzen" reimt, auf "-ürgen" oder auf "-icken".
Drei goldene Regeln, so verrät sie, muss jeder Kabarettist unbedingt beherzigen. Erstens: niemals Reich-Ranicki zu karikieren. Zweitens: niemals über Merkels Frisur lästern. Drittens: auf gar keinen Fall jemals die Zuschauer in der ersten Reihe vorführen. Gerade die letzte Regel allerdings muss sie einfach immer wieder brechen, bekennt sie offen, meckert und zäbbert fröhlich und frech, dass es eine Wonne ist, egal ob sie als singende Volksgenossin den Beweis antritt, dass das zentrale Problem des Sozialismus die Unfreundlichkeit war oder als weißgelockter Schutzengel mit Flauschflügeln und Alkoholproblem (also als "blauer Engel") Rotz und Wasser heult, weil im Himmel auch nicht mehr alles so läuft, wie Outsider sich das vorstellen: Der Schutzengel der SPD zum Beispiel, "dem ist der linke Flügel abgebrochen" oder der von Schäuble "der hat Angst vor ihm".
Überhaupt hat sie eine Menge herrlich schräger und komischer Figuren in ihrem neuen Programm, skurril und voller guter Tipps, so wie "Gaby Pawelka", auf der Suche nach einem Mann, die weiß, warum es sinnvoll ist, vor der Flugreise Arabisch zu lernen und ungerecht, wenn man auf dem Hinflug abstürzt, statt auf dem Rückflug.
Zwischendurch singt sie Lieder, zart und anrührend, oder schmettert kraftvoll mit imposantem Stimmvolumen wunderbar ironische Songs auf die "neue deutsche Leichtigkeit", den "Eisprung" oder die Freiheit, bei Regen den Garten zu gießen, spielt auf der singenden Säge so herzerweichend und wunderschön und wird bei all dem brillant, souverän und humorvoll auf dem Klavier begleitet von dem virtuosen Rolf Hammermüller. Kein Wunder, dass die Zuschauer diesen smarten, weiblichen Bühnenvulkan nur widerwillig und nach zahlreichen Zugaben gehen ließen.